Tea for two

Tea for two

In seinem Kommentar zu „Es reicht“ (hier in diesem Theater) schrieb Picha, er wisse noch nicht ob er für Grissom statt der ZIB sei. Dem Bildungsauftrag des ORF folgend dürfte es hier aber keine Zweifel geben: CSI-Protagonist Gilbert Arthur „Gil“ Grissom, Ph.D. hat den höheren Bildungswert. Vor allem charakterlich. Ein gut gezeichneter, bewundernswürdiger fiktionaler Charakter erhebt sich allemal über die Quotentaugliche Berichterstattung realer Peinlichkeiten.

Ich kenne kaum eine TV-Serie, die es über einen Zeitraum von mittlerweile über 8 Jahren geschafft hat, in homöopathischen Dosen die subtile Entwicklung eines unglaublich interessanten Charakters zu zeigen, ohne dabei allzuviel „Privates“ über dem Zuschauer zu entleeren. Grissom’s Charakter wird aus der Herangehensweise an seine Arbeit gezeichnet, und die wenigen Hinweise über sein Leben darüberhinaus sind so vorsichtig über die Monate und Jahre verteilt, dass es schon fast an den legendären Special Agent Dale Cooper aus Twin Peaks heranreicht.

Drei Seasons wartet man etwa, bis er der mysteriösen Lady Heather seine Hobbies preisgibt: „“I have outlets. I read. I study bugs. I sometimes even ride roller coasters“. Und das war dann nicht einmal etwas neues – denn der forensische Entomologe („The bug guy“), der laufend Shakespeare, Keats und Thoreau zitiert, wurde ca. eineinhalb Jahre vorher – nach einem emotional schwierigen Mordfall – in der Schlusssequenz auf einem Rollercoaster-Ride gezeigt.

DAS war nämlich die eigentliche Enthüllung, eine von jenen wenigen, die immer in Momenten eingesetzt werden, in denen keiner damit rechnet. Da schau her. Wirklich phantastisch. Jahrelang wird man als Zuseher gequält, ob der Misanthrop in Ansätzen, der seine zwischenmenschliche Schüchternheit selbst zugibt, nun was mit seiner ehemaligen Schülerin hat oder nicht. Sogar einen eigenen Fachausdruck gibt es dafür mittlerweile – „GSR“ – statt Gunshot Residue: Grissom and Sara Romance. Und plötzlich liegen sie auf der Couch, im Kimono. Und obendrein, irgendwann mittendrin und aus dem Hinterhalt: Grissom beim Tee danach mit Lady Heather.

Grissom ist gut. Grissom hat Erfolg: Allein geschätzte 10.000 Fan Fictions beschäftigen sich mit ihm. Grissom for President! Der einzige Hacken an der Sache: Grissom ist der Prototyp des anti-politischen. Längst hätte er Karriere gemacht, wäre da nicht seine Abscheu vor politischen Spielen und politischem Handeln. Er schafft es in 8 Jahren nicht ein einziges Mal, dem Sherrif das, und nur das zu sagen, was er hören will. Er weiss es selbst: „It has cost me dear …“

Ach, wo kämen wir hin wenn es im wirklichen Leben mehr vom Schlage Grissoms gäbe – gerade in der Politik. Die ZIB wäre glatt wieder anzuschaun! ;)