Oder: lasst doch die Spiele Spiele sein. Enough China-Bashing already. Lasst die Spiele endlich beginnen und die Kirche dabei im Dorf.

So ein Zufall aber auch – just während Herr Putin mit knapp hundert anderen Staatsgästen das spektakuläre Feuerwerk im Lande der altvordersten Feuerwerker begafft, werden Bomben der regionalen russischen “Friedens- und Ordnungsmacht” über Georgien abgeworfen. Nein, nicht über der von Georgien abtrünnigen Kaukasus-Republik – über “mainland Georgia”, quasi.

Hauptsache die euroäischen (und amerikanischen) Medien sind monatelang damit befasst, ihre politisch korrekten Zeigefinger auf China zu zeigen. Ich kanns schon nicht mehr hören: “Menschenrechte – die grossen Verlierer der Spiele. Tibet! Grosszügige Achitektur: Machtdemonstration. Stadtsanierung: Menschenvertreibung. Eine lange gerade Strasse plus ein englischer Städteplaner namens Speer: Berlin lässt grüssen. Eine olympische Tanzeinlage im IOC-Stil: Gänsehaut und Nazispiele. 

Danke, es reicht. Wenn die Pekinger Spiele eines bei mir bewirkt haben, dann dieses: Hut ab vor den Chinesen. Respekt.

Denn irgendwie sind diese Chinesen (und nicht nur jene am Festland) schon ein bemerkenswertes Volk. Ein sehr pragmatisches Volk! Jössas … des halbe Internet is gesperrt? Na gut – dreh’ma’s halt wieder auf, a bissi. Harmonie vor Machtanspruch. Handeln vor Politik. Während Putin in seinen Satelliten-Staaten Krieg führt/führen muss, Bush sowieso überall wo’s nach Öl riecht zu Stelle ist, und le President Bling-Bling, der so glamourös und repektvoll die Pariser Vorstädte regiert, sich derweilen eloquent in europäischem Menschenrechts-Talk sonnt, handeln die Chinesen. Und zwar sprichwörtlich. Der amerikanische Flaggenträger ist ein Immigrant aus Darfur. Eine Aufforderung, die sudanesische Regierung mit einem Handelsboykott zu belegen. Doch die Chinesen handeln gerne, und glauben zudem, dass ein Handelsboykott kontraproduktiv ist und die Region kaum zur Ruhe kommen wird, wenn man sie aushungert. Also handeln sie weiter.

Handeln ist immer noch besser als Nicht-Handeln. Handeln, und wirschaftliche Entwicklung ganz generell sind offensichtlich das einzig nachhaltige Rezept unserer Zeit gegen Chaos und Krieg – und langfristig auch gegen Diktatur. Die Volksrepublik China weiss das – und ist sich selbst ist das beste Beispiel. Sie macht seit mehreren Jahrzehnten gewaltige Veränderungen durch, deren Ausmass wir uns gar nicht vorstellen können. Wie wir gesehen haben kann man zwar eine 15-Millionen-Stadt innerhalb von 7 Jahren komplett umbauen, aber wir sollten froh sein, wenn ein politisches System, das 1,3 Milliarden Menschen “regiert”, sich ein wenig behäbiger wandelt. Es wandelt sich ohnehin atemberaubend schnell. Und tiefgreifend. Die Freiheiten, die die Chinesen heute geniessen, waren vor 15 Jahren noch absolut unvorstellbar. 15 Jahre … was sind 15 Jahre in einer 5000-jährigen Geschichte. 

15 Jahre und ein paar mehr – und die historische Chance, den ersten tiefgreifenden politischen Wandel in einer 5000-jährigen Geschichte zusammenzubringen, der ohne Bürgerkrieg vonstatten geht. Namhafte Sinologen machen zwei Dinge ganz klar: Demokratie und Menschenrechte interessieren die Chinesen (im Moment!) einen Scheissdreck. Und die schnelle Alternative zu einer Diktatur in China ist nicht Demokratie, sondern Bürgerkrieg. Hello Dissidenten – bei allem Respekt und Hochachtung vor Euren Idealen: you know the rules, don’t get caught – and one step at a time. Stetig Tropfen hölt den Stein. Der Spruch klingt eh so konfuzianisch …

15 Jahre und ein bisschen mehr – man schaue sich an, was in dieser Zeit in Russland passiert (ist). Das ist ein Horroszenario. Es gibt halt keinen Knopf, mit dem man über Nacht die liberale Demokratie aufdrehen kann. Und selbst wenn – welche? Eine Demokratie à la Ballhausplatz am Platz am Himmelsfriedens-Tor ? Ein halbes Jahr regieren, ein paar Jahre streiten und wenns gar nimma geht, dann die Wahlen vorverlegen – drei Monate Wahlkämpfen und dann ein halbes Jahr Koalitionsverhandlungen führen, während sich die pragmatisierten Beamtenstäbe vor lauter Langeweile mit der Observation von Tierschützern beschäftigen?

In Wahrheit schauen die Chinesen nach Europa und lachen sich eins. Der neue Mercedes – jaja, habenwill … aber eine europäische Sozial-Demokratie? Uiiii …. nein, Moment, das passt aber gar nicht in unseren Plan. Was sollten wir damit anfangen?

In den kommenden 15 Jahren werden ca. 300-400 Millionen Chinesen vom Land in Städte ziehen, die es noch gar nicht gibt. Und von der Landwirtschaft in Arbeitsplätze, die erst geschaffen werden. Das letzte, was die Chinesen in diesen Zeiten brauchen, ist wahrlich ein “Genug gestritten”-Wahlkampf. Jawohl, China, namentlich die Volksrepublik China, wird von einem immer noch relativ autoritären, offzilell kommunistischen Regime regiert, das sich so ungerne in seine inneren Angelegenheiten hineinregieren lässt. SO WHAT! In Wahrheit wird dieses Regime schon längst von einer aufstrebenden, global orientierten Marktwirtschaft vor sich hergetrieben, und von einem prosperierenden “bürgerlichen” Mittelstand getragen, der längst Teil der Einheitspartei geworden ist. Chinesen – namentlich Festlandchinesen, Inselchinesen und ganz besonders Auslandschinesen – sind enorm pragmatische Individualisten, die ihre Freiheit und Autonomie lieben.

Ich habe keine Zweifel, dass die Chinesen sich pragmatischen Herzens und mit konfuzianischem Respekt und Selbstdisziplin den Wohlstand und damit die Freiheiten erreichen werden, die sie sich verdienen. Und sich vorher noch den Grossteil der Goldenen Medaillen einstecken werden …

One Response to “Die Kirche im Dorf lassen”

  1. picha Says:

    hervorragender artikel, bewirb dich bei der zeit oder sowas. gratualtion.


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